Elektrophysiologie

Schrittmachertherapie

Damit Ihnen Ihr Herz nicht stehen bleibt

Schrittmacher gehören mittlerweile zur Standardversorgung in jedem modernen Gesundheitssystem. Im Gegensatz zu anderen Körperersatzteilen, wie künstlichen Knien, oder neuen Augenlinsen, greifen diese Geräte allerdings aktiv in das Geschehen des Organismus ein.

Die genaue Funktion eines Schrittmachers bleibt den meisten Patienten verborgen, bestimmt auch weil neben der Komplexität dieser Geräte, die Vorstellung von Dysfunktionen des Herzens als sehr beängstigend wahrgenommen werden.

Christel winkt ihren Enkeln und ihrer Schwiegertochter Heike vom  Krankenhauszimmer zu. Ihre Freude schon übermorgen auch wieder daheim zu sein, wird getrübt durch die für morgen geplante Schrittmacher-Operation. Eigentlich war sie immer gesund und stolz nur wegen der Geburt ihrer Kinder im Beruf gefehlt zu haben. Plötzlich kam es aber immer häufiger zu kurzen Filmrissen und schließlich  auf dem Gemeindefest zu einer Ohnmacht.

Wie ein gefällter Baum sei sie knapp neben dem Kuchenbüffet zu Boden gegangen.

In den Tagen zuvor, war sie abgeschlagen und hatte Mühe die Einkäufe die zwei Etagen zu ihrer Wohnung hoch zu tragen. Jetzt aber hätte sie beinahe ohne jedes Vorzeichen die Waldfruchttorte ihrer Freundin Hanne in den Tortenhimmel befördert.

Letztlich war sie dann aber doch nicht so weich gelandet und machte nun mindestens für zwei Wochen Jack-Russel-Hündin Susi echte Konkurrenz mit ihrer „hübschen Gesichtszeichnung“.

Da aber nichts gebrochen war, bliebe bald nur noch das Foto von Susi und ihr. Na, und die OP-Narbe, wobei die Oberärztin Frau Dr. Ruprecht im Aufklärungsgespräch erklärt hatte, dass auch diese in ein paar Monaten unterhalb des linken Schlüsselbeins kaum mehr sichtbar sei, da alles so fein vernäht würde, wie bei einer Schönheitsoperation. Der Schrittmacher selbst bliebe allerdings unter der Haut tastbar.

In der Größe fingerdicker Gurkenscheiben lagen die verschiedenen Schrittmacher auf dem Schreibtisch der Ärztin. Sie erklärte, dass bei einer Erstimplantation auch Kabel ins Herz verlegt würden, die sowohl die Eigenaktion des Herzvorhof und der -Kammer registrieren könnten, als auch, sofern diese ausblieben das Herz zur Kontraktion stimulieren würden.

Was anfangs kompliziert klang, wurde schnell nachvollziehbar, nachdem Frau Ruprecht im Herzmodell unter anderem gezeigt hatte, dass im Dach des rechten Vorhofs sehr besondere Zellen lägen, die in einem Konvulut lägen, welches auch als Sinusknoten bezeichnet würde.

Jede Herzmuskelzelle sei grundsätzlich in der Lage einen „Herzschlag“ zu starten. Diese Zellen des Sinusknoten könnten dies nur einfach im Vergleich zu allen anderen am schnellsten, weshalb hier der normale, sogenannte Sinusrhythmus startet.

Wie alle Körperteile, unterliegen auch diese besonderen Herzmuskelzellen im Laufe eines langen Lebens einem Degenerationsprozess. Sie können langsamer werden, pausieren, oder gar komplett ihre Funktion einstellen.

So lange alles noch „im Takt“ ist, schlägt das Herz bei den meisten Menschen in Ruhe etwa 70 mal pro Minute. Läuft man dem Bus hinterher, oder tanzt einen Rock’n Roll, muss mehr Sauerstoff in die Organe transportiert werden und unsere „Pumpe“ arbeitet dann auch schon mal doppelt so schnell.

Sind die Zellen des Sinusknoten nicht in der Lage

das Herz in der notwendigen Geschwindigkeit zum Schlagen zu bringen, wird nicht ausreichend sauerstoffreiches Blut durch die Organe gepumpt und man ringt nach Atem, weil der Körper das Zeichen Sauerstoffmangel ans Hirn gibt. Dieser Kompensationsmechanismus ist nur begrenzt steigerbar, weshalb dem Patienten mit eingeschränkter Funktion des Sinusknoten der Bus dann auch mal weg fährt.

Bei den mitunter einfachsten Schrittmachern, wird die Elektrode ganz in der Nähe des Sinusknoten platziert. So werden Eigenaktionen des Vorhofes rasch wahrgenommen und der vom Schrittmacher gesetzte Impuls beginnt dort, wo auch der natürliche Impuls des Herzens starten würde.

Solch ein sogenannter Einkammerschrittmacher ist allerdings eher die Ausnahme. Die meisten Patienten brauchen den Schrittmacher nämlich, weil eine andere erregungsleitende Struktur im Herzen nicht mehr einwandfrei funktioniert.

Hat der Sinusknoten seinen Impuls freigesetzt, setzt sich diese Welle elektrischen Stroms über beide Vorhöfe fort. In die direkt benachbarten Kammern kommt er allerdings nicht so ohne Weiteres, da die Vorhöfe des Herzens elektrisch von diesen getrennt sind.

Diese Isolierung muss man sich wie eine Gummimatte zwischen den Vorhöfen oben und den Kammern unten vorstellen. Sie trennt Vorhöfe und Kammern elektrisch komplett voneinander.

Da natürlich aber auch die Kammern einen Impuls zur Kontraktion brauchen, gibt es in der Zwischenwand des rechten und linken Herzen quasi eine Kabelverbindung, die Vorhöfe und Kammern dann letztlich doch miteinander verbindet. Dieser sogenannte AV-Knoten, oder auch ungekürzt Atrioventrikularknoten verbindet das Atrium (den Vorhof) mit dem Ventrikel (der Kammer). Man muss sich ihn vorstellen wie einen Türsteher, der genau darauf achtet, welcher Impuls vom Vorhof in die Kammer weiter geleitet wird. Zwar passiert im Herzen alles innerhalb von Millisekunden, jedoch braucht der „Türsteher für sein: Krawatte fehlt, Schuhe müssen geputzt werden und ohne Hemd kommt hier keiner rein!“ im Vergleich zu allem was danach elektrisch in der Kammer passiert mindestens genau so lange. Diese vermeintliche Trödelei hat aber ihren Sinn. Denn würden die Kammern fast gleichzeitig mit den Vorhöfen erregt, bliebe gar nicht genug Zeit für die Füllung der Herzhöhlen mit Blut.

Auch der AV-Knoten unterliegt nur allzu häufig den Folgen des Alterns. Bei einigen Patienten beobachtet man z.B. dass es immer länger dauert, bis der elektrische Impuls vom Vorhof in die Kammer geleitet wird. Diese als AV-Block Grad I bezeichnete Störung ist zwar formal nicht behandlungsbedürftig, da aber Medikamente wie ß-Blocker eine bremsende Wirkung auf unseren „Türsteher“ haben können, sollten diese in einem solchen Fall abgesetzt werden.

Liegt eine graviererende Schädigung vor, leitet der AV-Knoten nicht nur langsam, sondern phasenweise, oder dauernd nur noch jeden zweiten elektrischen Impuls vom Vorhof in die Kammern. Diese als AV-Block Grad II bezeichneten Störung, bleibt von vielen Patienten häufig lange Zeit unbemerkt und fällt häufig erst auf, wenn der Herzschlag so langsam ist, dass das Hirn kurzfristig minderdurchblutet wird.

Und hier wären wir wieder bei Christel. Tatsächlich hatte sie ihren AV-Block Grad Il nicht direkt bemerkt und ihren Leistungsknick auf das Wetter und ihr Alter geschoben. Auf dem Fest war der AV-Knoten dann aber plötzlich ganz ausgefallen, wodurch es zur Ohnmacht gekommen war. Nach den bisherigen Ausführungen erscheint der Ausfall unseres „Türstehers“ als absolute Katastrophe , da anzunehmen ist, das Herz bliebe in diesem Falle stehen. Tatsächlich hat aber der göttlich Bauplan auch hier eine Notfallösung vorgesehen.

Wie eingangs erwähnt, jede Herzmuskelzelle ist grundsätzlich in der Lage einen „Herzschlag“ zu starten. Bei einem Komplettausfall von Sinus-, oder AV-Knoten übernehmen Herzzellen aus dem Boden des Vorhofs, oder auch aus der Kammer einen Ersatzrhythmus, der häufig zwar nur eine Frequenz von 30-40/ min hat, aber allgemein ausreicht, um einen Körperkreislauf aufrecht zu erhalten. Als Christel mit dem Rettungswagen im Krankenhaus ankam, wurde tatsächlich nur eine Herzfrequenz von 35/ min festgestellt und sie fühlte sich sehr schlapp. Zwar hatte auch sie einen ß-Blocker in ihrer Medikation, der umgehend abgesetzt wurde. Da aber trotzdem der AV-Knoten immer wieder die Überleitung der Vorhofimpulse in die Kammer unterbrach, wurde mit der Patientin die Implantation eines Zweikammer-Schrittmacher besprochen.

Wie in der zuvor beschriebenen Schrittmacherversion, wird eine Sonde im Vorhof platziert, die registriert, ob der Sinusknoten einen Impuls generiert. Eine weitere Sonde wird , wie auch schon die erste Elektrode mittels einer winzigen Schraube in der Spitze der rechten Herzkammer fixiert. Wird von dieser Elektrode, nach einem wahrgenommenen Vorhofsignal nach einer bestimmten Zeit kein Signal in der Kammer registriert, weil z.B. der AV-Knoten ein Problem hat, gibt der Schrittmacher einen Impuls an die Kammer ab. Und damit Christel beim nächsten Gemeindefest auch beim Tanztee die Alte ist, kann sie sogar mithalten, wenn eine flotte Sohle getanzt wird. Der integrierte Schüttelsensor ihres Schrittmachers, reagiert auf ihre Bewegungen und erhöht die Frequenz unter dem Motto: «Werde ich geschüttelt, ist Aktivität und Anstrengung vorhanden, also rauf mit dem Puls!» und dies ist nur eines der vielen technischen Details, die viele Patienten bis zum Wechsel ihres Gerätes nach etwa 8-10 Jahren fast vergessen lassen, dass nicht mehr alles im Originalzustand ist.