Medizinisches Leistungsspektrum

Interview

Interviewer: Frau Ruprecht, warum bekommen Menschen Vorhofflimmern?

Dr. Ruprecht: Ein Herzschlag ist ein Stromimpuls, der von A nach B durch das Herz fließt. Im gesunden Herzen gibt es immer nur diese eine Richtung. Im Laufe des Lebens kommt es wie in einem kaputten Straßensystem zu Sperren, die Umleitungen erforderlich machen. Wenn es schlecht läuft, kreisen die Stromimpulse dann wirr durch den Vorhof, so dass dessen Muskelzellen nicht mit einem Kommando aktiv werden, sondern zu unterschiedlichsten Zeiten durch startende und rückkehrende Impulse erregt werden.

Interviewer: Das klingt ähnlich frustrierend, wie die Verkehrssituation in NRW. Weiß man denn beim Vorhofflimmern genauer, wo das Chaos entsteht?

Dr. Ruprecht: Die Sperren im Herzen bestehen aus Bindegewebe, welches keinen Strom leitet, ähnlich wie Gummi. Venenwände bestehen auch aus Bindegewebe und diese wiederum münden z.B. in den linken Vorhof, der Ort an dem Vorhofflimmern entsteht. Der Übergang der Venen in den elektrisch leitenden Vorhofmuskel ist je älter man wird häufig nicht ganz glatt. Das heißt dies ist der Bereich des Vorhofs, wo zwischen den Muskeln immer wieder bindegewebige Sperren entstehen, die den Herzimpuls zur Umleitung zwingen. Diese Übergangszonen sind bei anfallsartigem Vorhofflimmern der Ursprung dieser Rhythmusstörung.

Interviewer: Wenn man den Ursprung des Problems kennt, müsste es doch möglich sein effektiv einzugreifen?!

Dr. Ruprecht: Richtig, in die Bereiche bindegewebiger Übergangszonen sollte im Idealfall kein Impuls gelangen, weshalb man hier eine Sperrzone anlegt.

Interviewer: Wie verhindern sie das Eindringen elektrischer Impulse in die Sperrzone?

Dr. Ruprecht: Indem wir eine elektrisch nicht leitende Linie um die Venen anlegen.

Interviewer: Mit Isolierband kommen Sie da aber nicht weiter!

Dr. Ruprecht: Nein, leider nicht, aber in diesem Fall ist das Problem auch gleichzeitig die Lösung. Nicht leitend ist Bindegewebe und dies kann ich gezielt erzeugen, indem eine Narbenlinie um die Venen anlegt wird.

Interviewer: Eine künstliche Narbenlinie im Herzmuskel klingt aber nicht gesund.

Dr. Ruprecht: Die sehr feine Linie wird durch gezieltes Erhitzen von wenigen Muskelzellen an den Randzonen der Lungenvenen erreicht. Verhindert man dadurch Vorhofflimmern, ist belegt, dass durch einen langfristig normal arbeitenden Vorhof dessen Kontraktionsleistung relevant verbessert werden kann.

Interviewer: Also ist der normale Rhythmus wichtig für das Herz?!

Dr. Ruprecht: Ja, insbesondere für Patienten mit einem schwachen Herzen konnte man sehen, dass es sogar entscheidend für die Lebenserwartung ist.

Interviewer: Aber ich habe gehört, einige Patienten bekommen auch nach einer Ablation wieder Vorhofflimmern. Wie kommt es denn dazu?

Dr. Ruprecht: Besteht die leichteste Form eines anfallartigen Vorhofflimmerns kommt es tatsächlich bei etwa 20-30 % der Patienten erneut zu derartigen Herzrhythmusstörungen. Ist an einer einzigen Stelle die Linie nicht dicht, weil Herzmuskelzellen zwar erhitzt wurden, die Temperatur aber für eine Umwandlung in Narbenzellen nicht reichte, kann durch diese kleinen Lücken, wie bei einem Tiergatter der Impuls wieder in die bindegewebigen Übergangszonen eindringen.

Interviewer: Als Laie würde ich vorschlagen die Temperatur einfach zu erhöhen, um eine durchgängige Narbenlinie zu erreichen. Wäre das eine Möglichkeit?

Dr. Ruprecht: Ein guter Gedanke und tatsächlich werden zukünftig Verödungen voraussichtlich mit sehr hoher Energie, bei gleichzeitig nur Sekunden dauernder Einwirkzeit durchgeführt. Der schnelle Energieanstieg bei gleichzeitig ebenso dynamischer Kühlung des Katheters, ist eine ähnlich Herausforderung an die Ingenieure, wie die Beschleunigung eines Sportwagen, denn es sollte vermieden werden hinter dem Herzen liegende Organe mit zu erhitzen.

Interviewer: Also ist Sicherheit der limitierende Faktor der vollständigen Effektivität?

Dr. Ruprecht: Da zu uns Patienten kommen, die eine Verbesserung ihrer Lebensqualität wünschen, ist Sicherheit tatsächlich eine wesentlichen Triebfeder.

Interviewer: Kann man denn, nachdem die Lücken in der primären Ablationslinie in einem Zweiteingriff geschlossen wurden, von dauerhafter Heilung ausgehen?

Dr. Ruprecht: In den letzten Jahren mussten wir zwei wesentliche Erkenntnisse machen, die uns erklärten, weshalb wir trotz scheinbar perfekter Arbeit einige Patienten mit Vorhofflimmern wieder sahen.

Zum einen können mittlerweile verbesserte Katheter auch winzigste elektrische Signale darstellen, die in den vorausgehenden Prozeduren nicht sichtbar waren.

Zum Zweiten kommt es auch nach erfolgreicher Ablation zur  weiteren Degeneration von Vorhofmuskelgewebe und damit Entwicklung von neuem Narbengewebe, was wiederum auch ein ganz neuer Entstehungsherd von Vorhofflimmern sein kann.

Interviewer: Resümierend ist also zu sagen, dass man mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit das Vorhofflimmern beseitigen kann, letztendlich sie ähnlich eines Zahnarztes trotz erfolgreicher Behandlung die zukünftige Neuerkrankung nicht ausschließen können. Ist denn auch Vorbeugung bezüglich der Vermeidung von Bindegewebe in der Vorhofmuskulatur möglich?

Dr. Ruprecht: Obwohl viele Faktoren des bindegewebigen Umbaus, wie Alter, Geschlecht und durchgemachte Entzündungsprozesse nicht beeinflussbar sind, kann wiederum alles, was die Herzgesundheit unterstützt helfen. Darüber hinaus sollten auch die weniger bekannten Faktoren für die Entwicklung von Bindegewebe,  wie Schlafapnoe, Extremsport und Adipositas erwähnt werden.

Interviewer: Schlaf heißt rückwärts gelesen falsch, aber ernsthaft kann man während des Schlafs etwas falsch machen, dass die Entstehung von Vorhofflimmern fördert? Es ist schwerlich darauf zu verzichten.

Dr. Ruprecht: Regenerativer Schlaf ist lebensnotwendig, jedoch kommt es bei vielen Menschen in diesem Zustand zu Atempausen. Ständige Pausen der Sauerstoff-zufuhr zum Herzmuskels haben Entzündungsprozesse zur Folge und auch die wiederum enden in einem narbigen Umbau des Herzmuskels. Zu solch einem Umbau kann es in Folge aller Prozesse kommen, die die Sauerstoffzufuhr zum Herzen einschränken und ist damit zwingend behandlungsbedürftig

Interviewer: Dann war wohl der Spruch meiner Oma weiser, als ich als Kind zu denken vermochte und könnte mich womöglich, neben Ihren zahlreichen  Erläuterungen Frau Dr. Ruprecht sogar vorm Vorhofflimmern schützen:

„Junge, vergiss das Atmen nicht!“